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09. Oktober 2018

VPTMagazin | Global Health – Zukunftsfeld der Physiotherapie

VPTMagazin | Global Health –  Zukunftsfeld der  Physiotherapie

Cornelia A. Barth ist Physiotherapeutin mit jahrelanger internationaler Erfahrung im Bereich der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit. Die Situation von Menschen mit Behinderung sowie der Mangel an Ressourcen in vielen Teilen der Welt veranlassten sie, sich mit globalen Konzepten auseinanderzusetzen. Sie sagt:  „Es wäre wünschenswert, wenn künftig der Global-Health-Gedanke vermehrt Einzug in Physiotherapie-Curricula, professionelle Diskussionen und Forschungsprojekte fände.“

Vor etlichen Jahren arbeitete ich im Tschad in einem Krankenhausprojekt einer internationalen humanitären Organisation, als ich den Jungen in obigem Foto vor mir sah. Er hatte in seiner Kindheit sichtlich schwere Verbrennungen überlebt – ohne Behandlung.

In wenigen Stichworten kann das physiotherapeutische Auge zusammenfassen: komplette Funktionseinschränkung des rechten Ellbogens und Handgelenks, verbrennungsbedingte Vernarbung und Hypertrophie der Haut, die zur Deformierung der rechten Hand führte. Die rechte obere Extremität ist nicht nur funktionslos, sie ist auch hinderlich: Nicht einmal durch die Ärmel eines normalen T-Shirts bekäme der Junge seinen Arm. Und sie ist unästhetisch. Die Mundpartie ist ledrig vernarbt, Mundschluss und -öffnung sind eingeschränkt. Über weitere orofaziale Funktionseinschränkungen kann man nur spekulieren.

Eingeschränkte Perspektiven

Dieser Junge geht vermutlich nicht zur Schule und wird mit großer Sicherheit später weder einen ordentlichen Job bekommen noch eine eigene Familie gründen, weil keine Frau einen Mann heiraten wird, der nicht körperlich unversehrt und in der Lage ist, für eine Familie zu sorgen.

Körperbehinderung ist auch heute noch – und dies bei Weitem nicht nur im Tschad – ein trauriger Prädiktor für ein Single-Dasein, finanzielle Notlage, Erwerbslosigkeit und eingeschränkte Lebensqualität.

Vom Einzelschicksal zum Global-Health-Gedanken

Ein Junge und ein Leben, das bereits unvorstellbare Herausforderungen kennengelernt hat und im Erwachsenenalter vor noch größeren steht. Was hat dies mit Global Health zu tun? Die Frage geht zunächst in eine andere Richtung: Was wäre, wenn …?

Was wäre, wenn wir uns seine irreversiblen Defizite therapierbar träumten und ein Crowdfunding veranstalteten: Jeder gibt 5 Euro. Wir bekommen eine ordentliche Summe zusammen, fliegen den Jungen ein, er erhält beste medizinische und therapeutische Hilfe und kehrt komplett funktionsfähig in seine Heimat zurück. Was hätte sich geändert? Für das Kind alles. Für seine unmittelbare Umgebung, Familie und Nachbarn vieles.

Und für die unzähligen weiteren Einzelfälle mit ähnlichen Schicksalen in unzähligen weiteren Regionen dieser Erde? Für die hätte sich natürlich gar nichts geändert. Zur falschen Zeit am falschen Ort, leider kein Glück gehabt.

Bei einem Global-Health-Ansatz aber geht es ums große Ganze: „Gesundheit für alle“. Davon ausgehend, dass in einer Welt der Globalisierung, noch mehr als bisher, irgendwo stattfindende Ereignisse irgendwann einen Effekt auf andere Regionen haben (z.?B. Ebola-Epidemien, Bürgerkriege, Zika-Virus), müssen Konzepte flächendeckend, nachhaltig und langfristig durchdacht und orches­triert werden. Das ist ambitioniert – gleichzeitig aber ist es künftig schlicht unvermeidbar.

Aktuell gibt es dahingehend eine Reihe, v.a. von der WHO koordinierte Initiativen wie z.?B. Reha 2030 [2]. Spezieller im Bereich Physiotherapie sind die World Confederation for Physical Therapy (WCPT) [3] und deren Partner physiopedia engagiert: „Physiopedias Beitrag zur Verbesserung von Global Health ist, universellen Zugang zu Physiotherapie-Wissen zu ermöglichen“ [4].

So können die, die ansonsten keine Möglichkeit dazu hätten, ihr Wissen über Physiotherapie und Rehabilita­tion erweitern – also dort, wo es keine Physiotherapie gibt, wo Rehabilitation im Gesundheitswesen noch nicht genügend anerkannt ist, dort, wo Netzwerke schwierig sind und wo die Profession Verfechter braucht.

Weltweite Bereitstellung der Ressourcen

Ziel der WHO Reha2030-Kampagne ist es unter anderem, Rehabilitation fest in Gesundheitssystemen zu verankern. Denn nur mit einer weltweiten Professionalisierung und Ressourcenbereitstellung – finanzieller und personeller Art, aber auch Forschung und Ausbildung betreffend – können künftig Schicksale wie das des tschadischen Jungen vermieden werden.

Global Health wird oft mit Public Health gleichgesetzt, was leider das Risiko birgt, die immense, wachsende Bedeutung der Rehabilitation zu übersehen. Denn diese Ansätze sind häufigher „medizinisch“ geprägt. Es liegt an den Physiotherapeuten, künftig ihre Stimme deutlich in die globale Diskussion einzubringen.

Denn der Physiotherapie – dieser breit gefächerten Profession, diesem Kaleidoskop an Wissen und Kompetenzen – ihr stehen die besten Zeiten noch bevor! Sofern die Zeichen der Zeit richtig gedeutet und umgesetzt werden.

Quellen:
https://www.bls.gov/news.release/disabl.nr0.htm
https://www.nytimes.com/2016/12/08/well/family/dating-with-a-disability.html 
http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0189996
http://www.who.int/disabilities/care/rehab-2030/en/
https://www.wcpt.org/node/102993
https://www.physiospot.com/opinion/perspectives-on-global-health/

 

Global Health und Physiotherapie in einer globalisierten Welt – Was braucht es?

  1. Die Zukunft wird einen erhöhten Therapie- und Therapeutenbedarf verzeichnen durch:

    • weltweiten Anstieg chronischer Krankheiten und sogenannter NCDs (non-communicable diseases, nicht-übertragbare Krankheiten), die zu Gesundheitsbeeinträchtigungen führen (z.?B. Arteriosklerose und Schlaganfall, Krebs, Diabetes); der erhöhte Behandlungsbedarf betrifft sowohl Prävention und Gesundheitsförderung als auch Therapie
    • weltweiten demographischen Wandel und eine alternde Bevölkerung, eine höhere Proportion an Personen mit multiplen Gesundheitsbeeinträchtigungen

  2. Multiprofessionelle Ansätze innerhalb der medizinischen Berufe und Reha-Berufe werden immer wichtiger, da die Gesundheitsbeeinträchtigungen nur interdisziplinär angegangen werden können.
  3. Globale oder zumindest überregionale Ansätze und Kampagnen sind notwendig, um „models of best practice“ effizient einsetzen zu können.
  4. Die weltweite Digitalisierung ermöglicht und vereinfacht Datenmanagement und Datenaustausch zur Planung, Durchführung und Evaluierung von Projekten und natürlich für Forschungszwecke.
  5. Ein weltweiter Zugang zu (Online-)Ressourcen schafft Möglichkeiten, grenzenübergreifend Wissen und Wissensaustausch online verfügbar zu machen.
  6. Eine zunehmend globalisierte Welt und zunehmende Völkerwanderungen erfordern von den Physiotherapeuten Denken in globalen Strukturen und Souveränität im Umgang mit unterschiedlichen Kulturen und Sprachen, mit ungewohnten Krankheitsbildern und -verläufen, kurz: mit Diversität.

 

 

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